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Bei einem Originalgenie handelt es sich weniger um einen
Menschen aus Fleisch und Blut als um eine Wunschgestalt. Wo gäbe
es einen Künstler, der seine Werke nur aus eigener Kraft hervorbringt?
Manche schweigen über ihre Beziehungen zur Tradition, andere machen
kein Geheimnis aus ihrer Kontaktaufnahme zu meisterhaften Vorgängern.
Der Hamburger Maler August Ohm fühlt sich seit Langem zur Kunst der
Renaissance hingezogen, und in seiner diesjährigen (...) Ausstellung
arrangiert er eine Begegnung zwischen Werken der Kunst um 1500 und seinen
eigenen Renaissance-Variationen.
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Es sind erlesene kleine Schätze, die in seinen eigenen
Räumen ihre Strahlkraft besser entwickeln können, als es in
einem großen Museum mit der Fülle von Exponaten möglich
wäre.(...) Eine Ölmalerei auf Holz mit der Heiligen Anna und
Katharina ist noch reines Mittelalter. Die jüngeren Arbeiten lassen
erahnen, welcher Umschwung sich im Lebensgefühl der Zeit um 1500
vollzog. Ein sitzendes Christuskind, das Zeichnungen von Lorenzo di Credi
ähnelt, oder ein in zarten Silberstiftlinien schwebender Engel rücken
in ihrer belebten Bewegung der Wirklichkeit schon näher. An diesem
Punkt hakt August Ohm ein. "Es gibt Künstler, wie Dürer"
sagt er, "die erwecken die Illusion, ein Abbild der Wirklichkeit
zu geben. Andere wie Botticelli oder Cranach der Ältere lassen uns
nicht in Zweifel, daß auf ihren Bildern nur eine verfremdete, und
keine illusionäre Bildwirklichkeit zu sehen ist."
Von dieser Art der künstlerischen Sicht auf die Realität fühlt
Ohm sich angesprochen. Wo diese Renaissance-Künstler aufhörten,
setzt er an und probiert weitere Möglichkeiten der Realitätsbrechung
aus. Ein Porträt der Sybille von Cleve, die mit dem sächsischen
Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen vermählt
war und von Cranach mehrmals gemalt wurde, ließ Ohm keine Ruhe. Achtmal
hat er es variiert. Jedes Mal aus der Nahsicht und überlebensgroß.
Jedes Mal in einer anderen Farbhaltung, die Gesichtszüge überzeichnend,
scharf, versonnen, erotisch lockend. Es ist realistisch, aber nicht abbildhaft.
In ähnlichen Malstilen, pointillistisch, schlierig, changiert das Gesicht
eines jungen Florentiners, den wohl ein Angestellter von Botticelli einst
porträtierte, und die Variationen eines Gesichts einer Caritas aus Cranachs
höchst produktiver Werkstatt.
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