THEMA: KINDER

AUSGEWÄHLTE DARSTELLUNGEN AUS VIER JAHRHUNDERTEN

Das am häufigsten dargestellte Kind in der Bildenden Kunst ist zweifellos der Christusknabe, - das göttliche Kind als reinster Ausdruck der Schöpfung und als Träger künftigen Heils. In Lorenzo di Credis Zeichnung verbindet sich im Geist der Renaissance Idealität und greifbare Körperlichkeit zu einem Kindtypus, dem wir ähnlich auch bei seinem Lehrer Verocchio und seinem Mitschüler Leonardo begegnen.

Bei dem ausgestellten "Mädchen mit Taube" handelt es sich wohl um das Porträt einer kleinen Toskanerin von Domenico Passignano; sicher evozierte die Darstellung für den Zeitgenossen die Vorstellung von der kindlichen Jungfrau Maria. Derartige religiöse Assoziationen verlieren sich zusehends mit der fortschreitenden Emanzipation des Porträts. Einen späten Nachklang christlich geprägter Ikonographie finden wir bei Adolph Menzels Lithographie "Schutzengel mit einem Kind im Arm".

In Peronneaus Mädchen von ca. 1760 sieht uns eine starke Persönlichkeit entgegen, mit sehr wachem, fast herausforderndem Blick. Die virtuose Bildniskunst verleiht dem ephemeren Zustand des Kindseins eine beglückende Dauer. Während vormals die Kinder als kleine Erwachsene vorgestellt wurden, entwickelte sich unter dem Eindruck der Aufklärung die Wertschätzung des Kindes als einem ganz eigenen, dem Ursprünglichen und Naturhaften verbundenen Wesen.

Sinngemäß schrieb Hölderlin in seinem Hyperion:"Wer nicht einmal ein vollkommenes Kind war, der wird schwerlich ein vollkommener Erwachsener". Es klingt in diesen Worten die rousseau`sche Vorstellung von einem unverdorbenen Urzustand, einer naturhaften Befindlichkeit, deren Fortwirken eine Entfaltung harmonischer Menschlichkeit gewährleistet. Hölderlin fährt fort: "Im Kind ist Freiheit allein. In ihm ist Frieden. Es ist mit sich selbst noch nicht zerfallen. Reichtum ist in ihm. Es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß nichts vom Tod." Hier wendet der Dichter nun die didaktisch-aufklärerische Idee vom Kind-sein in eine romantisch-nostalgische Vorstellung von einer verlorenen Zeit.

Es ist dies eine Idee, die in Pierre Lotis` Roman eines Kindes fortlebt, in der sehnsuchtsvollen Rückkehr in ein fast vergessenes Paradies, ähnlich wie später in Prousts unendlich scheinendem Fluss der Erinnerungen. Bei Dylan Thomas wird dann der lyrische Blick auf die Kindheit zu einer oft ins Surreale gesteigerten Form der Selbstsuche und Selbstdeutung. Adolph Menzels "savoyardischer Hirtenjunge" scheint uns in eine wild-romantische Bergwelt zu führen. Aber die großartige Zeichnung verklärt nichts, sie erinnert uns eher an die harte, arbeitsreiche Jugend der Mehrzahl aller Landkinder im 19.Jahrhundert.

Der vielleicht meistzitierte Satz der modernen Literatur:"Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" von Gertrude Stein steht für die Identitätssuche eines kleinen Mädchens namens Rose, das seinen Namen wie in einer Art Selbstvergewisserung fortlaufend um das Rund eines Baumstamms ritzt.Fragen, Selbstzweifel und der Wunsch nach Vergewisserungen sprechen aus vielen Kinderporträts des zwanzigsten Jahrhunderts, etwa aus den Bildnissen von Wilhelm Ohm. In einer Zeichnung Picassos zeigt sich seine kleine Tochter Paloma sachlich und mit großem Ernst, vergleichbar der kleinen Rose von Gertrude Stein:

"Ich bin ein kleines Mädchen und mein Name ist Rose / Rose ist mein Name / warum bin ich ein kleines Mädchen / und warum ist mein Name Rose / und wann bin ich ein kleines Mädchen / und wann ist mein Name Rose / und wo bin ich ein kleines Mädchen / und wo ist mein Name Rose und welches kleine Mädchen bin ich." (aus Gertrude Steins Märchen "Die Welt ist rund").

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