ROKOKO - RAUSCH UND AUFKLÄRUNG

Arbeiten von Watteau bis Greuze

"Wer die Welt vor 1789 nicht gekannt hat,
der weiß nicht, was Glückseligkeit ist "
Prince de Ligne

Diese Meinung konnte nur jemand vertreten, der alle Voraussetzungen für eine Teilhabe an den geistigen, kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften der Zeit besaß: Zugehörigkeit zum richtigen Stand und Geld. Die Welt vor 250 Jahren ist uns in ihren sozialen Strukturen sehr fern aber zugleich vertraut in ihrer unaufgelösten Spannung von Vernunft und Gefühl, von Aufklärung und Sinnenrausch. So wie das achtzehnte Jahrhundert die Naturphilosophie von Leibnitz, Voltaire und Rousseau flugs in Moden verwandelt hat, werden heute Ideale und Ideen in Events und Design umgemünzt. Die Suche nach diesseitigem Glück, erstmals in der amerikanischen Bill of Rights als unverbrüchliches Menschenrecht festgeschrieben, gilt unseren heutigen westlichen Gesellschaften geradezu als Lebensmotto.

In der Kunst des achtzehnten Jahrhunderts wie in den Manifestationen der Mode spiegelt sich die Verheißung von der guten Natur des Menschen und sein Anspruch auf Glück, er erscheint wie der ideale Bewohner eines Paradieses: androgyn, kindlich, alterslos, sinnlich und in einer ambivalenten Mischung von Naivität und Raffinesse, eben wie eine Verschmelzung von Diderots "edlem Wilden" und seinem "homme artificiel". Hätte die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ihre Vorstellungen vom irdischen Paradies nicht in Kunst sondern in Politik umgesetzt, sie hätte sich die Revolution erspart.

Das Rokoko war in London und Paris bereits lange vor 1789 in einen kühlen Klassizismus übergegangen, wo das erstrebte "irdische Elysium" in Clubs und Salons nicht mehr nur als Fiktion, sondern als politisches Ziel diskutiert wurde. Es ist bezeichnend, daß der "style rocaille" sich fern der großen fortschrittlichen Metropolen Paris und London am Verschwenderischsten entfesselte und, daß er sich dort als besonders langlebig erwies: in den reichen Klöstern in Österreich, Bayern, Schwaben, den weltlichen und geistlichen Fürstentümern Süddeutschlands oder in Venedig, Sachsen und Preußen.

Unsere Auswahl spätbarocker Menschenbilder reicht von der erotischen Präsenz von Tiepolos Figuren bis zur expressiv gesteigerten Grimasse im Porträt des Franz Xaver Messerschmidt. Weiterhin zeigen wir Arbeiten u.a. von Watteau, Peronneau, Fragonard und Greuze, dazu originale Kostüme der Zeit von 1750 bis 1780, Objekte, Tapisserie und Kleinplastik.

In einer begleitenden Ausstellung führen Reisebilder von Wilhelm Ohm, August Ohm und Mathilde Menzel an Schauplätze, die wir im Besonderen mit dem Rokoko verbinden: nach Dresden, Würzburg, Berlin und Potsdam.

Franz Xaver Messerschmidt, um 1770
Roben des 18. Jahrhunderts