MEINE 20er JAHRE

Zeichnungen Mode & Autographen 1918 - 1933

„Ein Jahrzehnt ist nur ein Bruchstück einer Epoche“, schrieb Hermann Kesten, „jene zwanziger Jahre waren wie ein Schaufenster mehrerer Epochen“. Der Film und das Theater der Dekade erscheinen als ein aufregendes Kaleidoskop, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsvisionen trafen. Während viele Intellektuelle an die Macht des Geistes und, als leider unpolitische Nachfolger der deutschen Aufklärung, an den individuellen Menschen glaubten, prägte der Film gleichzeitig ein extrem anti-individuelles Menschenbild, den Star. Eine Zeichnung von Wilhelm Ohm, „in der Bar“, 1926, illustriert diesen Bruch: neben einer bürgerlichen Venus von Milo erscheint das neue, entrückte Idealbild, - Pola Negri.
Meine umfangreiche Autographensammlung dokumentiert bereits im Ausschnitt das legendäre Berliner Kulturleben nach dem ersten Weltkrieg. Alle bedeutenden Namen sind da vertreten. Unter den zeitgenössischen Porträtfotos findet man Fritzi Massari ebenso wie Asta Nielsen, Toscanini, Anna Pawlowa und deren weniger geniale Kollegin, die tanzende Tochter Rasputins, oder Elisabeth Berger, Tilla Durieux, Marlene Dietrich und viele andere mehr. Zum Menschenbild der Epoche gehören neben den Beinen von Marlene die unerbittlichen Porträts der Expressionisten. Max Pechsteins Zeichnung „Editha Schaefer“ erscheint uns chaotisch, fast unerträglich gefühlsbetont. Hier finden wir das gleiche dämonische, „gotische“ Deutschland, dem Willy Haas in dem großartigen Film „das Kabinett des Dr. Caligari“ begegnet war.
Die Ausstellung zeigt überdies Arbeiten von Max Beckmann, Paul Holz, Fernand Léger, u.a., sowie bibliophile Erstausgaben und Art-Deco-Design.
In den originalen Kostümen konkurrieren exotischer Glamour und neue Sachlichkeit miteinander. Die glanzvolle Fassade der Gesellschaftsroben überdeckt den Hintergrund wirtschaftlicher Unsicherheit, während die uniformen Alltagsmoden – von Anhängern des Funktionalismus als Triumph der Vernunft gepriesen – bereits auf eine anonymisierte und übertechnisierte Gesellschaft weisen.
Auch der Zwang zum Jung-sein, die Forderung nach Provokation und nach dem Neuen haben – ausgehend von den Zwanziger Jahren – weit über die Epoche hinaus fortgewirkt. Allerdings hat die Inflation des „Zeitgemäßen“ in späteren Dekaden nur wenig zu tun mit den revolutionierenden geistigen Fragestellungen und In-Frage-Stellungen der Zwanziger Jahre, ihrem Ideenreichtum und ihrer Phantasie.

Erika Ohm (1910 – 2000)


(Die Ausstellung wird übernommen von der Unesco-Welterbestätte Bauhaus-Dessau und dort von Ende Februar bis Ende April 2011 im Meisterhaus Kandinsky-Klee gezeigt).

Bilder 20er Jahre