KUNST UM 1500 UND AUGUST OHM - NEUE RENAISSANCE - VARIATIONEN

Die vorliegende Ausstellung zeigt ausgewählte Zeichnungen, Bilder und Kleinplastik der beginnenden Neuzeit, u.a. Arbeiten aus der Werkstatt Botticellis und Bilder von Lukas Cranach dem Älteren. Die Spiegelung der großen Umbrüche, der geistigen, politischen und sozialen Verwerfungen der Zeit um 1500 lassen uns die Bildende Kunst der Epoche nach wie vor als bewegend und gegenwärtig erscheinen. Der neue Buchdruck beschleunigte in ungeahnter Weise die Verbreitung von Wissen, Erkenntnissen und Meinungen, die Zeitgenossen erlebten eine erweiterte Welt mit neuen Seewegen, neuen Kontinenten , zugleich den Verlust der Einheit der westlichen Christenheit und sie waren Zeugen regionaler und überregionaler sozialer Krisen. Schließlich konnte man eine ganz und gar andere Gestalt der Erde erahnen und einen nicht mehr auf diese Erde zentrierten Kosmos . Der Zugriff auf die Erscheinungsformen der Wirklichkeit und ein vormals unbekanntes Interesse an der Individualität des Menschen lösen das mittelalterliche Weltbild grundlegend ab.

August Ohm hat sich wiederholt mit der Kunst der Renaissance auseinandergesetzt. In seinen neuen Bilderfolgen geht er aus von einem Jünglingsporträt der Botticelli-Werkstatt und von zwei Cranach-Kompositionen, - einem Porträt der Sybille von Cleve und einer Caritas-Darstellung.Immer wieder haben sich Künstler von älterer Kunst inspirieren lassen. Was nun ist innovativ an August Ohms Renaissance-Variationen? Zum ersten Mal sind die originalen Altmeistergemälde nicht nur Ausgangspunkt für neue Interpretationen, sondern ein immanenter Bestandteil der Bildpräsentation eines Gegenwartskünstlers. In Ohms Ausstellung gewinnen die Bilder ihre Spannung aus der direkten Gegenüberstellung von Inspirationsquelle und deren Umsetzung.

Auch eine noch so starke Beziehung zu Bildern ist immer eine einseitige Beziehung. Auf unsere Fragen "antworten" Bilder nur in einem metaphorischen Sinn. August Ohm stellt eine Kommunikation mit Botticelli bzw. Lukas Cranach her, indem er sich seine Fragen an die alten Meister in Form eigener Botticelli- und Cranach-Variationen selbst beantwortet. Ohm analysiert in seinen Bildern deren gestalterische Mittel.

Während andere große Künstler der Botticelli- und Cranach-Epoche, etwa Dürer oder Raffael, die Illusion einer inszenierten Wirklichkeit vermitteln, lassen die von Ohm gewählten Künstler nie einen Zweifel daran, daß wir es bei ihren Gemälden mit einer Bild-Realität zu tun haben. Besonders Cranach bricht ganz bewusst das Abbild durch Disproportionierung und Schematisierung von Motiven. Cranach wie Botticelli arbeiten mit Motiv-Ableitungen und pflegen eine lebendige Variationspraxis, in der einmal gefundene Muster immer wieder angewandt werden. Ohm hat dieses Prinzip schon in seinen früheren Cranach-Adaptionen umgesetzt, allerdings treibt er das Konzept der Reihung von Motiv-Versatzstücken in seinen neuen Arbeiten auf die Spitze. In seiner Folge von Ölbildern nach einem Porträt der Sybille von Cleve erscheint das Versatzstückartige, die ironische Brechung der Wirklichkeit und eine Betonung der "Künstlichkeit der Kunst" wie eine Steigerung von Cranachs bildnerischer Strategie.

Anders als zum Beispiel Warhols Serien wollen Ohms Variationen nicht die Reproduzierbarkeit der Bilder thematisieren, sondern die malerischen Möglichkeiten der Kunst selbst. Ohm vertraut auf die vielgeschmähte "Schönheit" des Bildes. Zugleich regen seine Arbeiten zum Denken an, zum Nachdenken über die Kunst. August Ohms gelegentlich augenzwinkernde Altmeister-Variationen erscheinen wie ein fernes, strahlendes Wetterleuchten der abendländischen Malerei.

Birgit Ohlen