Heinrich von Kleist Über das Marionettentheater

Neue Bilder von August Ohm und eine Installation mit original Roben der Zeit um 1800

Seit meiner Jugend gehört Kleists „Marionetten-Theater“ zu den Beispielen der Weltliteratur, die ich in Abständen immer wieder gelesen und auf neue Weise rezipiert habe. Eine meiner japanischen Studentinnen wies mich vor vielen Jahren darauf hin, dass dieser Aufsatz die einzige westliche Schrift sei, die sich vollkommen mit dem Wesen des Zen-Buddhismus deckt. Dieser Kultur-übergreifende Aspekt hatte mich damals bewogen, den Aufsatz erneut zur Hand zu nehmen. Einen wiederholten Anstoß boten die Begegnungen mit den verschiedenen Versionen des „Spinario“ im Kapitolinischen Museum in Rom, im Pariser Louvre und im Pergamon-Museum in Berlin. Schließlich hat auch eine Darstellung, die Paul Cézanne vom „Dornauszieher“ im Louvre gezeichnet hat, meine neuerliche Lektüre des „Marionettentheaters“ veranlasst. Aber auch das Problem des „infinito“ bei Michelangelo, das verzweifelte Herausschälen des Geistigen aus dem Gefängnis der Materie, etwa in den Sklavenfiguren in der Accademia in Florenz, lieferten mir einen Grund, mich wieder mit Kleist´s Schrift auseinander zu setzen.
Erhellend ist ein Vergleich von Kleist´s Aufsatz und den Puppentheater-Passagen in Goethes „Lehrjahren“. Die Texte erscheinen geradezu als exemplarisch für den einen und den anderen Autor: Goethe zielt auf ein Herausbilden und Gestalten des Menschen im Sinne eines harmonischen Miteinander von Denken, Fühlen und Handeln. Kleist dagegen beschreibt in seinem Aufsatz „über das Marionettentheater“ in einer zugleich einfachen und höchst artifiziellen literarischen Form die existentielle Unmöglichkeit des Menschen in der Zivilisation, aus seiner (verlorenen) geistig -seelisch-körperlichen Mitte heraus zu agieren (wie es das Kind oder das Tier und anscheinend die Marionette vermag).
Für Werner Hofmann hat die mechanisch gesteuerte Perfektion der Marionette Kleist zum „Rätsel der formalen Vollendung“ geführt, zu einer Vollendung, “die sich unerwartet einstellt und unversehens wieder verloren geht“. Er spricht von der promethischen Dimension künstlerischen Ringens: “der Künstler als Rivale des göttlichen Gestaltungswillens“.
Dieses Phänomen berührt ganz unmittelbar das kreative Tun eines jeden Menschen, die schier unüberbrückbare Schere, die sich zwischen seinem schweren Bemühen und spielerischer Intuition auftut. Dieses entweder–oder, dieser Abgrund von Möglichkeit und Scheitern, von Vermögen und Verlust hat mich (zunächst ganz intuitiv) veranlasst, einige meiner Kleist-Bilder im Sinne eines „mi-parti“, als geteilte Hell-Dunkel-Kompositionen, wie „Echo-Bilder“, zu gestalten.
Im Übrigen habe ich versucht, auch biografische Aspekte der Kleist`schen Existenz in meine Bilder einzubeziehen. Die endgültige Bilderfolge zeigt sowohl „Szenen“ der Literaturvorlage als auch Kleist-Porträts.
Meinen bildnerischen Arbeiten habe ich eine Installation mit originalen Kostümen der Zeit um 1800 zugeordnet.

August Ohm