August Ohm - Cranach-Variationen

Anläßlich des Cranach-Jahres 2003 zeigt das Cranach-Haus in der Lutherstadt Wittenberg vom 12. September bis zum Jahresende die bildnerischen Cranach-Variationen von August Ohm.

In jüngerer Zeit hat vor allem Picasso oft und nachhaltig aus den Werken alter Meister Anregungen geschöpft. Er erklärt diese Annäherungen mit den Worten: "Was ist im Grunde ein Maler? Ein Sammler, der sich dadurch seine Sammlung schaffen will, dass er sich selbst Bilder malt, die er bei anderen liebt. So fange ich auch tatsächlich an, und dann wird es doch etwas anderes."

Die Vorbilder, denen August Ohm nachschaffend folgt, die er phantasievoll variiert, gelegentlich auch geistreich ironisiert, sind vielfältig und stammen aus sehr unterschiedlichen Epochen, doch liefert die Bilderwelt von Lucas Cranach oft wesentliche Elemente seiner fesselnden Stil-Collagen. In einem Gemälde des Jahres 1988 mit dem Titel "Eine sächsische Prinzessin im Bad von Pierre Bonnard" taucht das erste Mal ein Cranach-Zitat auf. Dabei begibt sich eine gezierte Cranach-Venus in eine überraschende Symbiose mit Bonnards zartfarbigen Mädchenakten in der Badewanne und wirkt dabei nicht nur leicht ironisch "augenzwinkernd", sondern auch "augenöffnend" im Hinblick auf das Erfassen kunsthistorischer Zusammenhänge und typologischer Gegensätze.

Es sind neben einer Venus mit oder ohne Amorknaben vor allem drei Cranachwerke, die ihn immer wieder zu variierender Auseinandersetzung angeregt haben. Das strenge Porträt des Reformators Martin Luther mit dem tiefschwarzen Gewand wird in kühne Varianten, im Format versteilt, verunklärt und collagiert. Die Darstellung der vornehmen Sibylle von Cleve erscheint, bald zum Brustbild verkürzt, bald zur Ganzfigur erweitert und gelegentlich von anderen Damen umgeben und in Tracht wie Schmuck verändert, durch Überschneidungen oder Übermalungen vexierbildhaft verfremdet. Die liebreizende, von Putten umspielte Madonna im Grünen bildet das Grundmotiv für eine Serie von Varianten, in denen sie gelegentlich wie von Nebelschwaden verschleiert wirkt.

Die Werke von August Ohm sind nicht von einer Weltanschauung geprägt, wohl aber von einer besonderen Weltsicht, die auf humanistischer Bildung und ästhetischer Erfahrung basiert und die künstlerischen Werte der Vergangenheit - von der Antike bis zu Bonnard - nicht als abgelegten Plunder, sondern als ein unerschöpfliches Reservoire für Paraphrasen und Assoziationen betrachtet. In der überwiegenden Zahl ihrer Äußerungen setzt seine Kunst den gebildeten Betrachter voraus, der sowohl was die Form als auch was die Thematik betrifft, weiß und erkennt, was hier gesagt wird. Das hat dem Maler in einer Zeit wie der unseren gewiss auch etliche Widersacher gemacht im Lager derer, denen eine platte, unmissverständliche Aussage lieber ist, als die gedankliche und formale Vielfalt, die den vollen Genuss der Werke von August Ohm an die Kenntniss jahrhundertealter kultureller Bezüge bindet. Dennoch ist der Maler nicht schlecht damit gefahren, seine Bewunderer und Sammler im Kreis derjenigen zu suchen, denen Kunstbetrachtung mehr bedeutet als das Anschauen banalster Formen und das Entgegennehmen plakativer Gedanken.

Sibylle v. Cleve